Missachtung

Sogar die Hobbies von Frauen sind nichts wert. Das is dann „esoterisch“ oder „unnötig“.

Warum gehen hauptsächlich Frauen Yoga oder besuchen Selbstfindungsseminare?

Weil ihnen dort das begegnet, was in Gesellschaft, Geschichte, Religion, Kultur UND Beruf für Männer gepachtet ist: Wertschätzung.

Ich war heute auf einem Begräbnis. Es war sehr feierlich. Am schönsten war die andächtige Stille. Das gibts nur in der Kirche. Egal ob auf klassischen Konzerten oder im Yogastudio, immer gibts jemanden, der, wenn alle anderen still sind, die Matte neu richten muss, raschelt oder sich räuspert. Immer! Es muss scheinbar so sein. Nicht so in der Kirche. Da war es still. Wunderschön still. Auch der Gesang war schön. Und die Kerzen. So feierlich, die Kirche selbst.. Abgesehen von den vielen Statuen und Bildern von gekreuzigten Männern und anderen Männern. Männer mit Heiligenschein, Männer mit Gefolge. Die Jungfrau Maria als die Eine. Mutter und keine Sünde, die ideale Frau. Bescheiden, immer mit gesenktem Antlitz, in einem Umhang, nichtssagend und vollkommen persönlichkeitslos, die perfekte Frau.

Während der ganzen Messe wurde aber sowieso nur 2x das weibliche Geschlecht erwähnt, und zwar, eh klar, an zweiter Stelle nach Brüdern.
Dafür umso mehr Vater, Gott, Herrlichkeit, Sohn Gottes, Christus, Vater unser, geheiligt werde DEIN Name, usw.! Und das in der Dauerschleife.

Da redet keiner von „esoterisch“, hm.

Als der Sohn der Verstorbenen dann noch seine Mutter als achso bescheiden in den Himmel lobte, „nie drängte sie sich in den Mittelpunkt“, wollt ich nur noch eine rauchen gehen. Das Idealbild der Frau ist immer noch die Mutter, die immer alles schupft und dafür keinerlei Dankbarkeit erwartet. 2021. Und, wenn eine Frau Anerkennung verlangt, dann „drängt sie sich in den Mittelpunkt“. Klar, dass die, die im Mittelpunkt stehen dazu schauen dass das auch so bleibt. Es is ein bissl wie in der Massentierhaltung. „Ja, sie können sich nicht bewegen, aber sie haben ja Stroh. Früher gabs kein Stroh.“ Klar, sie sind nix wert und werden in eine Position gezwungen, in der sie immer abhängig von einem Mann sein werden, aber sie dürfen ja wählen. Reicht das nicht??

Und das Schockierendste an dem Ganzen ist, dass die meisten Frauen das als normal empfinden. Ihre Rolle. Weil hier hat man ja eh keine Wahl. Das beste draus machen war schon immer mitspielen. Dafür wird man am Ende des Lebens auch gelobt. Für‘s sich nicht in den Mittelpunkt drängen.

Die katholische Kirche (die sich selbst blasphemisch als „heilige katholische Kirche“ bezeichnet, arg eigentlich) sorgt schon von der Taufe an dafür, dass ganz klar ist, was „herrlich“ ist, nämlich alles männliche, und was so unwichtig ist, dass es meistens nicht mal Erwähnung findet, nämlich alles Weibliche. Frauen werden dazu erzogen, KEINE, auch noch so geringe, Anerkennung oder Wertschätzung zu verdienen. Nein! Es ist sogar am besten, wenn Frauen darüber froh sind, dass sie keine Wertschätzung bekommen! DAS ist ideal.  Bescheidenheit – danach sollen Frauen streben!

Nebenbei wird auch dafür gesorgt, dass Frauen die einzigen, von denen sie Wertschätzung bekommen würden, missachten bzw. gar nicht erst mit ihnen in Berührung kommen, nämlich: andere Frauen. Das macht auch die Familie, die patriarchale Familie (also fast jede westliche Familie) bzw. die katholische Erfindung der Ehe. Frau soll allein mit den Kindern im Haus sein (am besten eingesperrt, aber das darf man ja nicht sagen) und Töchter sollen zwar studieren und alles aber nur um dann doch zu erkennen, dass das Glück für eine Frau doch die Aufopferung für die Familie ist. Deswegen muss man Töchter auch nicht wirklich ernst nehmen. Hat alles nur Vorteile.

Allein der Ausdruck oder? „Sich in den Mittelpunkt drängen“.. Es ist sowas an der Zeit, dass Frauen sich in den Mittelpunkt drängen! Drängt, es kann gar nicht genug gedrängt werden!! Erst wenn es diesen Ausdruck gar nicht mehr gibt, erst wenn niemand im Schatten derer, die den Mittelpunkt für sich allein beanspruchen, steht, erst dann gilt es nicht mehr zu drängen!